Die Wahrheit über den Fitnessmarkt

1111 Wörter und 5 Minuten Lesezeit, die dir deine Augen öffnen werden.

Der Fitnessmarkt boomt, das haben mittlerweile wohl alle begriffen. Fitnessstudios sprießen wie Pilze aus dem Boden, jedes Jahr erscheint eine neue Blitzdiät in einem Hochglanzmagazin, Instagram Feeds sind vollgemüllt mit Bildern von Influencern, die tagtäglich brav ihre „it-is-booty-day“-Hinternselfies posten und ihre Nahrungsergänzungsmittel anpreisen. Selbsternannte Fitnessgurus predigen den Leuten vor, wie sie zu leben haben.

Als Trainer und Geschäftsführer von Straight-Training, einer Firma für Trainingsbetreuung, bin ich täglich mit genau dieser Problematik konfrontiert. Kaum zu beschreiben ist der Hass, den ich verspüre, wenn ich nur an diese Situation denke.

Schließlich bist du derjenige, der Tag für Tag darunter leidet. Leute, die mit ihrem Körper, ihrer Fitness, ja sogar mit ihrer gesamten Lebenssituation unzufrieden sind und endlich nach Jahren der Unzufriedenheit Mut, Zeit und Geld aufbringen, um endlich ihre Träume in die Tat umzusetzen, werden von der Propaganda des Fitnessmarkts gepackt. Es wird ihnen das Blaue vom Himmel versprochen, um ihnen das Weiße aus den Augen zu nehmen.

Natürlich führen diese Interventionen ins Nichts.

Ob das der Maschinerie Fitnessmarkt was ausmacht? Natürlich nicht. Es war ja nicht mal Sinn und Zweck, dem Kunden tatsächlich zu helfen. Würde es helfen, wäre es ja ein verlorener Kunde und wer soll dann die nächste Wunderpille und das 10-Wochen-Bauchweg-Strandfigur-Trainingsprogramm kaufen und wer wickelt seine Fettpolster dann noch in Frischhaltefolie?

Du als Kunde kommst sowieso wieder, solange diese Maschinerie am Ende des Tages dich als den Unfähigen darstellt. Das Trainingsprogramm war toll, nur du warst zu schwach. Solange dies gewährleistet ist, behält der Fitnessmarkt seine Glaubwürdigkeit, denn dir die Schuld geben können sie gut. Schließlich haben es diese und jene Personen auch geschafft, sieh dir nur die Referenzen und Empfehlungen an und achja übrigens, das Training muss helfen. Studien haben es ja gezeigt!

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis du dich von deinem Rückschlag mental erholt hast und das erste Mal wieder an einen Neuanfang denkst. Wenn du dir dann in der Weihnachtszeit, vollgestopft von der Völlerei, über deine Neujahresvorsätze Gedanken machst… wer ist da zur Stelle? Richtig, der Fitnessmarkt. Dein Selbstbewusstsein sinkt, der Wunsch nach einem perfekten Körper, ewiger Jugend und voller Gesundheit steigt. Perfekter Nährboden also für die Fitnessindustrie, um dich wieder (wie jedes Jahr aufs Neue) über den Tisch zu ziehen. Und schon flanierst du mit grünen Ringen durch den Wald, denn Studien haben schließlich bewiesen, dass du nur so deinen Traumkörper erreichst.

Interessanterweise wiederholen sich die Fitnesstrends immer wieder. Was jetzt die lustigen grünen Ringe übernehmen, waren vor kurzem noch Stöcke, die Leute als Gehilfe benutzt haben, um durch den Wald zu kommen. Denn wer ohne Stöcke und GPS-Pulsuhr durch den Wald spaziert, ist nicht vorne mit dabei und hat scheinbar das Spazierengehen nicht verstanden. Auch das boomende Elektromyostimulationstraining (EMS), bei dem sich Leute Elektroden anhängen und freiwillig unter Strom setzen lassen, um ihre Traumfigur zu erreichen, gibt es schon seit den 70er Jahren.

Die Möglichkeiten des Fitnessmarkts sind begrenzt und längst ausgeschöpft, deshalb werden jährlich alte und in Vergessenheit geratene Trainingsmethoden ausgegraben, abgestaubt und mit einem neuen trendigen Namen verkauft. Und so tanzen Damen jetzt nicht mehr unter dem Titel Aerobic, sondern unter einem anderen geschützten Namen zur Musik. Und wenn uns zum Tanzen am Boden nichts Neues einfällt? Naja, dann tanzen wir eben auf einem High Professional Stepboard oder einem Trampolin und sagen, es wirkt, denn wissenschaftliche Studien haben bestätigt, dass…

Kennst du noch Spinning? Auch so ein Trend, der neu aufgerollt wurde. Aus einsamen Ergometereinheiten vor dem Fernseher wurde gemeinsames Radeln auf sogenannten Spinning Bikes zu motivierender Musik. Klingt doch sehr gut, da der Trend jedoch etwas nachgelassen hat, wird noch eine Schippe draufgelegt: die Fitnessparty! Spinning-Einheiten im Diskolicht und mit DJ Begleitung, wo während dem klassischen Radeln auch noch mit Hanteln trainiert wird, denn der Oberkörper will ja auch was davon haben. Außerdem haben wissenschaftliche Studien belegt, dass Musik beim Training die Leistungsfähigkeit steigert. Na sieh mal einer an.

Für den Laien wirkt das überaus motivierend und effektiv. Ein lustiges Training in 50 Minuten, bei dem du deinen ganzen Körper trainierst und dabei das Gefühl hast, dich eher auf einer Tanzfläche als im Fitnessstudio zu befinden? Das kann ja nur der lang ersehnte Weg zu deinem Traumkörper sein! Während jeder Sportwissenschafter die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich vor Fremdschämen am liebsten nur noch verkriechen möchte, tappt der Kunde in die Falle und wird wieder einmal über den Tisch gezogen.

Das Problem ist nicht der Fitnesstrend per se, sondern die Tatsache, dass dem Kunden vorgegaukelt wird, dieser würde ihn seinen Zielen näher bringen. Viele Trends sind ja recht amüsant und lieber Leser, versteh mich nicht falsch, nichts gegen Trends wie Ziegenyoga, Bieryoga oder ähnliches. – leben und leben lassen. Nahezu jeder trinkt gerne einmal ein Bier und wer meint, er muss die Leidenschaft des Biertrinkens mit der des Yogas kombinieren, dann soll er das auch gerne tun. Solange man sich nicht mehr als Spaß und Belustigung darunter verspricht.

Weniger amüsant sind Fitnesstrends, die den Kunden nicht nur das Geld aus der Tasche ziehen, sondern noch dazu ihre Gesundheit gefährden. Power Plates sind ein solches Beispiel. Dabei handelt es sich um Vibrationsplatten, auf denen Personen Kräftigungsübungen durchführen, wobei durch die Vibration ein enormer Trainingseffekt provoziert werden soll, eine richtige Wunderplatte sozusagen. Sie kräftigt die tiefere Muskulatur, schüttelt das Fett nur so weg, fördert die Koordination und vor allem die Rumpfregion wird gestärkt, was Rückenprobleme vorbeugen soll.

Gleichzeitig ist man um LKW- und Busfahrer besorgt, da durch die Vibrationen des Fahrzeuges ernstzunehmende gesundheitliche Schäden am Bewegungsapparat des Lenkers verursacht werden. Sobald das Zentralnervensystem ermüdet, können die relativ schwachen Vibrationen des Fahrzeugs vom Körper des Lenkers nicht mehr kompensiert werden und verursachen diverse Schäden, wie zum Beispiel …Trommelwirbel… Rückenprobleme. Deshalb gibt es für Berufskraftfahrer eigene Gesundheitssitze, die die Vibrationen des Fahrzeugs kompensieren.

Ist es nicht äußerst interessant, dass Vibration einerseits Schäden verursacht und andererseits vorbeugen soll? Denn genau das passiert bei diesen Rüttelplatten. Das Zentralnervensystem ermüdet bereits nach wenigen Sekunden, vor allem wenn die Person auf dieser Rüttelplatte zusätzlich ermüdende Kräftigungsübungen mit einer noch dazu oft schlechten Übungsausführung durchführt. Die Vibrationen können keineswegs vom Muskelkorsett des Körpers kompensiert werden und belasten ohne Umwege den passiven Bewegungsapparat!

Was ich damit sagen will? Du kannst jetzt deine grünen Ringe aus dem Kasten holen und damit durch den Wald laufen oder dich auf die Power Plate stellen und damit ernstzunehmende körperliche Schäden riskieren oder du tust dir selbst und deiner Gesundheit einen Gefallen und meldest dich bei uns. Zuletzt noch ein wertvoller, gutgemeinter Tipp. Hinterfrage Dinge lieber einmal zu oft, als einmal zu wenig und vergiss eines nicht: achte auf deinen Körper, es gibt ihn nur einmal!

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